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Theater

Beeindruckend sind die Aufführungen von Jerzy Grzegorzewski (Intendant 1997-2002), der sich eines ausgebauten szenischen Apparats bedient, klassische Texte umgestaltet, einer ihm eigenen Wertung unterzieht und ihre Bedeutung für die Gegenwart untersucht.
Etwas konservativer ist das zweite polnische Nationaltheater, das gleichzeitig als einzige Bühne Mitglied der Union der Europäischen Theater ist - Das Alte Theater in Krakau, das in den 70er Jahren durch die von Konrad Swinarski, Jerzy Jarocki und Andrzej Wajda inszenierten Bühnenwerke weltberühmt wurde und das bis heute versucht, der Tradition und den Erfolgen der alten Meister gerecht zu werden.
  
 Bedeutendster Mitarbeiter des Alten Theaters ist heute Krystian Lupa. Seit Jahren inszeniert er Dramen und Prosawerke deutschsprachiger Autoren (Th. Bernhardt, R.M. Rilke, R. Musil). Er wagte es sogar den Roman von H. Broch „Die Schlafwandler“ szenisch zu verarbeiten. Er interessiert sich ebenfalls für russische Literatur (Aufführungen der „Brüder Karamasow“ von Dostojewski und kürzlich „Meister und Margarethe“ von M. Bulgakow). Lupa wandelt den traditionellen Ablauf der Stücke ab, verlangsamt ihr Tempo, seine Aufmerksamkeit gilt nicht der Fabel bzw. dem Konflikt, sondern dem poetischen Wert der einzelnen Situationen. Es ist ein Theater der philosophischen und existenziellen Reflexion, in deren Mittelpunkt der heutige Mensch steht, der seinen Platz in der verunstalteten Welt zu finden versucht. Seit einiger Zeit werden die Stücke Lupas regelmäßig in Paris aufgeführt, wo sie sowohl bei den Kritikern als auch beim Publikum großen Applaus finden.
In der zweiten Hälfte der 90er Jahre versuchten Regisseure der jüngeren Generation Bühnenwerke zu gestalten, in denen sich die Erfahrungen und Probleme der Dreißigjährigen, die unter den Bedingungen der Massenkultur aufwuchsen, die an das ungestüme Tempo der Ereignisse gewöhnt waren und mit der Realität des konsumorientierten Kapitalismus nicht zurechtkamen, widerspiegelten. Die führende Rolle kam damals dem Warschauer Theater der Mannigfaltigkeit zu, das als "schnellstes Theater der Stadt" bezeichnet wurde und zu dessen bekanntesten Regisseuren Krzysztof Warlikowski und Grzegorz Jarzyna gehören. Internationaler Anerkennung erfreuten sich Warlikowskis Inszenierungen von Shakespeare („Perikles“ im Piccolo Teatro in Mailand, „Der Abend der Drei Könige“ und „Gewitter“ im Stadt-Theater in Stuttgart). In Polen inszenierte er „Der Widerspenstigen Zähmung“ und „Hamlet“. Jarzyna greift, nach einer geeigneten Darstellungsweise der menschlichen Existenz von heute suchend, sowohl nach dem Gegenwartsdrama („Tropenwahnsinn“ Witkacys, „Yvonne, die Prinzessin von Burgund“ Gombrowiczs, „Nicht identifizierte menschliche Überreste“ Frazers) als auch nach klassischen Romanen („Der Idiot“ Dostojewskis, „Doktor Faustus“ von Th. Mann, aufgeführt im Hebbel-Theater Berlin. In jüngster Zeit beschäftigen sich beide Regisseure mit Texten von Sarah Kane. So entstanden zwei erschütternde Aufführungen „Die Gereinigten“ (Warlikowski) und „Psychosis 4.48“ (Jarzyna).  
  
Die Theaterlandschaft Polens hat sich im letzten Jahrzehnt sehr verändert. Die dominierende Rolle der Hauptstadt bleibt unbestritten, mit Krakau konkurrieren jedoch in immer größerem Maße die Theater Wroc³aws, mit denen sowohl bereits berühmte (Jerzy Jarocki, Krystian Lupa) als auch jüngere Regisseure, wie Piotr Cieplak und Pawel Mi¶kiewicz zusammenarbeiten. Ähnlich sieht dies auch in Poznañ, Gdañsk und £ód¼ aus. Eine der größten Überraschungen der letzten Spielsaisons war das Aufblühen des Theaters in der Kleinstadt Legnica, wo einst sowjetischen Truppen stationiert waren. Der dortige Intendant, Jacek Glomb, begann Stücke mit lokaler Gegenwartsthematik zu inszenieren und klassische Dramen in kuriose Szenerien umzusetzen (Shakespeares „Koriolan“ spielt z.B. in der ehemaligen preußischen Kaserne).
Die größten Errungenschaften des 20.Jh. verdankt das polnische Theater zweifelsohne Künstlern, die nach neuen Formen und Ausdrucksweisen suchen. Seit Anbeginn der großen, europaweiten Reformationsbewegung im Bereich des Theaters wurde in Polen couragiert experimentiert, wobei hierzulande das Theater immer mit der Metaphysik verknüpft war. Die Quelle dafür bildete das Werk der polnischen Romantik mit Adam Mickiewicz an der Spitze. Seine „Totenfeier“ - das bedeutendste Werk der polnischen Literatur- enthält eine Vision des sich an der Grenze zwischen Schauspiel und Ritual bewegenden Theaters. Es ist eine Art vom Schauspieler gelenktes Mysterium. Das Drama wurde später auch von anderen Künstlern aufgegriffen, modifiziert und polemisch hinterfragt.
Diesen Ursprung hat auch das Werk des um die Wende des 19. zum 20. Jh. lebenden Dichters, Malers und Visionärs Stanis³aw Wyspiañski, der die Entwicklung des Theaters des 20. Jh. maßgebend beeinflusste. Sein Werk stützt sich auf romantische und symbolische Inspiration und verknüpft katholische, heidnische und antike Traditionen mit existenziellen und politischen Gegenwartsproblemen. Auf dieses immerfort lebendiges und faszinierendes Erbe beriefen sich die Schöpfer des monumentalen Theaters: Leon Schiller (Mitarbeiter von Eduard Gordon Craig), Juliusz Osterwa und Wilam Horzyca. Es inspirierte auch Tadeusz Kantor, den Avantgardekünstler, der auf der Suche nach neuen Ausdrucksmitteln u.a. auf das Theater zurückgriff. Nach langjähriger Suche (Versuche der Einführung von Tachismus und Happening im Theater) schuf er ein eigenes Modell der künstlerischen Ausdrucksweise: das Theater des Todes. In seinen berühmtesten Bühnenwerken: „Die verstorbene Klasse“, „Wielopole, Wielopole und Ich kehre niemals hierher zurück“ präsentierte er eigenartige Totenrituale, indem er  durch die Vergänglichkeit deformierte Bilder, Worte und Klänge vermischte. Auf der Basis seiner Erinnerungen und Erfahrungen präsentierte er die Tragödie des 20.Jh., eine gemeinsame Erinnerung an das Jahrhundert des Holocaust.
Einen anderen Reformersuch im polnischen Theater unternahm Jerzy Grotowski. Auf der Suche nach der Technik des "heiligen Schauspielers" und dem Bestreben, ein Bühnenwerk zu schaffen und uneigennützige Aufopferung überzeugend darzustellen, vollzog er nach Konstanty Stanis³awski die zweite große Reform der Schauspielkunst. Sein Buch „Towards a Poor Theatre“ gehört immer noch zu den wichtigsten Lehrbüchern an Theaterhochschulen in der ganzen Welt. Die in Grotowskis Labor-Theater aufgeführten Dramen, wie „Akropolis“ (ein ins Vernichtungslager transloziertes Drama Wyspiañskis), „Der standhafte Prinz“ (nach Calderon-S³owacki) oder „Apocalypsis cum figuris“ gehören zu den größten Errungenschaften des Welttheaters des 20. Jh. Grotowski inspirierte u. a. Peter Brook, Eugenio Barba, Richard Schechner und André Gregory. Zuletzt versuchte Grotowski eine dramatische Struktur zu schaffen, deren Wirkung einem religiösen Ritual gliche. Nach seinem Tod (1999) werden diese Versuche von seinen Schülern Thomas Richards und Mario Biagini fortgesetzt (im von Grotowski gegründeten Workcenter in Pontedera/Italien).
Das Werk Grotowskis beeinflusste auch polnische Theaterschaffende. W³odzimierz Staniewski, der sich nach mehreren Jahren engster Zusammenarbeit mit Grotowski gegen seinen Meister auflehnte, gründete 1977 in einem Dorf bei Lublin das Theaterzentrum "Gardzienice". Heute, nach 25 Jahren ist dieses weltberühmt und die von Staniewski eingeführte theatralische Arbeitsmethode, die er als "Ökologie des Theaters" bezeichnet, allerseits bekannt. "Gardzienice" begreift das Theater als kulturelle Tätigkeit, die mit Volksbräuchen und mit dem Entstehungsort eng verbunden ist. So reisen beispielsweise die Schauspieler in Gegenden, deren Bevölkerung großen Wert auf Traditionspflege legt (ehemalige Gebiete Ostpolens, Ukraine, Huzulenland usw.). Die Stücke greifen dann auf die ältesten Mythen des Ostens und des Westens zurück. Seit einigen Jahren beschäftigt sich Staniewski intensiv mit griechischer antiker Kunst als Geburtsort der europäischen Kultur und geistigen Beschaffenheit. Nach den „Metamorphosen“ nach Apuleius (Aufführungen u. a.: Deutschland, USA, Großbritannien, Spanien) inszenierte er gemeinsam mit "Gardzienice" die „Elektra“ von Euripides, mit der er erneut vollkommen neue Wege eingeschlagen hat. Ehemalige Mitarbeiter Staniewskis gründeten zahlreiche kulturelle Einrichtungen. In Sejny wurde so von Krzysztof Czy¿ewski die Stiftung "Grenzgebiet" geschaffen, die u. a. versucht, der hiesigen Bevölkerung den Reichtum ihrer Tradition, die Elemente polnischer jüdischer, weißrussischer, litauischer, ukrainischer und tatarischer Kultur enthält, zu vergegenwärtigen. Ähnlich wie Czy¿ewski stammt auch der Gründer der Stiftung "Musik der östlichen Grenzgebiete" Jan Bernad aus Gardzienice.
In den 60er und 70er Jahren des 20. Jh. entwickelten sich parallel zum Theater Grotowskis auch gesellschaftlich und politisch engagierte Theatergruppen. Anfangs waren es vordergründig "meuternde" Studententheater, später, während des Kriegszustands, weitete sich die Bewegung auf professionelle Schauspieler aus, die in sog. Kellertheatern spielten. Eine spezifische Form des politischen Protestes übte die "Orangefarbene Alternative" in Wroc³aw aus, die Massenveranstaltungen organisierte, um offizielle Symbole und Zeremonien yu verhöhnen. Die nach 1989 abklingende Bewegung wird gegenwärtig wieder aktiv: sie richtet sich gegen den Krieg und gegen den Kapitalismus. Die wichtigste Rolle spielt dabei Poznañ, wo sich neben dem in den 70er und 80er Jahren berühmten und weiterhin aktiven Theater des Achten Tages (antiglobalistisches Stück „Der Gipfel“), das Reisebürotheater befindet. Eine der bedeutendsten Erfolge wurde mit dem auf den Ereignissen im ehemaligen Jugoslawien basierenden, seit einigen Jahren weltweit aufgeführten Freilichtspektakel Carmen Funebre erzielt.
   
Eine andere Strömung repräsentiert das sog. plastische Theater, das vorwiegend auf Bilder zurückgreift und dabei beinahe ohne gesprochenes Wort auskommnt. Ein Vorreiter dieser Richtung war der Bühnenbildner und Regisseur Józef Szajna (1922). Schon in den 70er Jahren verwendete Szajna im Schauspiel ausdrucksstarke Bilder, die an expressionistische bzw. surrealistische Werke erinnerten. Am bekanntesten sind die Stücke „Dante“, „Cervantes“ und die an seine traumatischen Kriegserlebnisse anknüpfende „Replik“.
Wichtigster Repräsentant des plastischen Theaters ist heute Leszek M±dzik, der Gründer der Plastischen Bühne der katholischen Universität in Lublin. Seine Stücke sind gewissermaßen eine theatralische Meditation zu existenzieller und religiöser Thematik.
Ähnlich gestalten sich die Happenings von Jerzy Kalina und die Aufführungen der Warschauer Akademie der Bewegung. Außerdem gibt es in Polen auch zahlreiche Performance-Künstler. Das polnische Theater zählt zu den interessantesten in Europa und dessen Vertreter werden häufig mit dem Fringe First-Preis beim Edinburgher Festival ausgezeichnet (u.a. Reisebürotheater, Wierszalin, Kana, Provisorium).
Auch das Musiktheater erlebt in den letzten Jahren eine Blütezeit. Neben berühmten Komponisten und Sängern finden Opernregisseure immer größere Anerkennung. Am bekanntesten ist Ryszard Peryt der mit der Warschauer Kammeroper (die jährlich Mozart-Festivals durchführt) und mit der Nationaloper zusammenarbeitet. Berühmt sind die von ihm inszenierten Oratorien, mit dem auf dem Roten Platz in Moskau aufgeführten Requiem Giuseppe Verdis an der Spitze. Seit mehreren Jahren finden die von dem Filmregisseur Mariusz Treliñski inszenierten Opern weltweiten Anklang. Sein Schaffen fand auch große Anerkennung in der New Yorker Metropolitan Opera. Sehr erfolgreich ist auch Andrzej Majewski, der Bühnebilder für Opern entwirft. Immer populärer wird auch das Tanztheater. Neben dem klassischen Ballett entstanden bereits in den 60er und 70er Jahren moderne Tanzensembles, unter denen das von Conrad Drzewiecki gegründete und gegenwärtig von Ewa Wycichowska geleitete Polnische Tanztheater in Poznañ und die Breslauer Pantomime von Henryk Tomaszewski (1919-2001) am bekanntesten sind. Seit den 90er Jahren sind Bytom (Schlesisches Tanztheater) und Krakau wichtige Zentren des Tanztheaters. In beiden Städten begegnen sich während der ortseigenen Festivals Tänzer aus der ganzen Welt.
  
Das polnische dramatische Theater zeichnet sich durch bemerkenswerte Qualität des schauspielerischen Könnens aus. Die Tradition der hervorragenden polnischen Schauspieler des 19. Jh., allem voran Helena Modrzejewska, der "Star zweier Kontinente", wird durch begabte Vertreter der jungen Generation fortgesetzt. Als bester Schauspieler der 2. Hälfte des 20. Jh. gilt der 1992 während der Probe zu „König Lear“ verstorbene Tadeusz £omnicki. Da in Polen Theater und Film nicht getrennt betrachtet werden, sind viele polnische Theaterschauspieler weltbekannt, sei es aus Filmen von Andrzej Wajda (z.B. Wojciech Pszoniak, Daniel Olbrychski, Krystyna Janda, Jerzy Radziwi³owicz) oder Krzysztof Kie¶lowski (Jerzy Stuhr, Janusz Gajos). In Europa bekannt ist zur Zeit Andrzej Seweryn, der in den Jahren 1984-1988 mit Peter Brooks an der Inszenierung von „Mahabharat“ zusammenarbeitete. Seit 1993 arbeitet er als erster Ausländer mit der Comédie Française zusammen.  
  
Tadeusz Kantor (1915-1990) wurde als "mondänster polnischer Künstler und als polnischster der Weltkünstler" bezeichnet. Berühmt wurde er durch sein theatralisches Werk. Auch hier blieb er jedoch ein in Bildern denkender Maler, der die Schauspieler, Puppen und Requisiten auf der Bühne wie Farben auf der Leinwand zerstreut. Sein "Theater des Todes" beruhte auf der Erschaffung der plastischen Wiedergabe von Erinnerugen: Sequenzen irrealer Bilder, Erinnerungsfetzen, bizarren Vergangenheitsbrocken. Kantor erschuf in seinen Stücken suggestive Räume voller Leben und Tod, sein eigenes Leben vernetzte er mit Geschichte, nationale Mythen mit persönlichen, stets zurückkehrenden Obsessionen. Weltberühmt wurde sein Theater Cricot 2 durch die der eisernen Disziplin der Form unterworfenen Symbole und Emotionen.
   
Internationale Festivals sgehören zum festen Bestandteil der polnischen Theaterlandschaft und sind zugleich Gelegenheit, die künstlerischen Leistungen aus Ost und West zu vergleichen. Zu nennen wären hier vor allem das jährlich im Frühling in Toruñ stattfindende Festival "Kontakt", der alle zwei Jahre in Wroc³aw organisierte "Dialog", die Krakauer "Widmungen" (Oktober) und die Warschauer "Begegnungen" (November). Zu den interessantesten Veranstaltungen zählen ebenfalls die "Theatralischen Konfrontationen (Lublin - Oktober), die Freilichtaufführungen des Festivals "Malta" (Poznañ - Juni), der Krakauer Ballettfrühling und die Puppentheater-Biennale in Bielsko-Bia³a.
  
Eine mit dem polnischen Theater des 20. Jh. verbundene und darüber hinaus weltbekannte Persönlichkeit ist ... Papst Johannes II. Seine Faszination für das Theater begann bereits während der Schulzeit im Wadowicer Gymnasium, wo er Mitglied de schulischen Theaterzirkels war. Während des 2.Weltkrieges betrieb er mit seinem ehemaligen Lehrer, Mieczys³aw Kotlarczyk, das konspirative „Rhapsodische Theater“, in dem dichterische Tradition der Romantik fortgesetzt wurde. Nach dem Krieg, bereits als Priester, unterstützte er dieses Theater weiterhin, auch als Rezensent und Kritiker. Papst Johannes II. ist ebenso Verfasser mehrerer Dramen. Zu den bekanntesten von ihnen gehören „Der Bruder unseres Gottes“ und „Vor dem Juweliersladen“.

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"Die Gereinigten"

 

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"Carmen Funebre "

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Tadeusz Kantor

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Papst Johannes II


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